20 - Laupheim

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20

Rede zur Ausstellungseröffnung EXPERIMENTELLE e19 in Laupheim am 15.07.2016
Andrea Dreher M.A.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kapellen, sehr geehrter Herr Landrat Dr. Schmid, sehr geehrter Herr Dr. Niemetz, lieber Titus Koch, liebe anwesende Künstlerinnen und Künstler, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Rede nie über Bilder, die man nicht sieht, lautet eines unserer ungeschriebenen Kunsthistoriker-Gesetze! Aber ich wurde mit einer Laudatio auf der Einladungskarte angekündigt, und der eine oder andere von Ihnen wird erwarten, dass ich nicht übers Wetter oder das bevorstehende Wochenende, sondern über die hier ausgestellten Kunstwerke rede, die wir nachher alle im Anschluss zwei Stockwerke höher betrachten können.
Lassen Sie mich daher zunächst mit Hermann Hesse eine Brücke schlagen.
„Phantasie ist die Mutter der Zufriedenheit, des Humors, der Lebenskunst. Und Phantasie gedeiht nur auf dem Grunde eines innigen Einverständnisses zwischen dem Menschen und seiner sachlichen Umgebung. Diese Umgebung braucht nicht schön, nicht eigentümlich, nicht reizend zu sein. Wir müssen nur Zeit haben, mit ihr zu verwachsen, und daran fehlt es heute überall“, schrieb Hermann Hesse in seiner Erzählung „Von der alten Zeit“, die er 1907 als Dreißigjähriger auf der Höri am Bodensee verfasste.
Sie alle haben sich heute Abend die Zeit genommen, hierher nach Laupheim in dieses große Schloss zu fahren, und vielleicht wird ihre Phantasie in den kommenden zwei Stunden durch die Begegnung mit der Kunst entsprechend angeregt, dass Sie später voller Zufriedenheit, Humor und Lebenskunst in ihre Bett fallen und sagen oder denken: das war ein guter Abend!
Nicht nur Hesse wäre posthum von Glück erfüllt, sondern auch der umtriebige Ausstellungsmacher Titus Koch, der unter Einsatz sämtlicher Kräfte und alter und neuer Kontakte diese experimentelle19 organisiert und kuratiert hat. Aber ohne Kunst gibt’s keine Ausstellung. Daher möchte ich die kommenden Minuten nutzen und Sie auf einen virtuellen Rundgang durch eine analoge Ausstellung mitnehmen. Das bedeutet, dass ich Sie zunächst hier an dieser Stelle nur gedanklich nach oben und durch die einzelnen Räume führen möchte, in der großen Hoffnung und Erwartung, dass Sie im Anschluss unter Einsatz ihrer physischen Präsenz durch die einzelnen Räume gehen, sich vielleicht an den einen oder anderen von mir gesetzten Impuls erinnern oder einfach nur auf Ihre eigene Wahrnehmung und Beobachtungsgabe vertrauen.  Also: Vorhang auf für’s Kopfkino!
Im Flur treffen hart und weich aufeinander, Eisen trifft Stoff, beides in raumgreifenden und raumfüllenden Objekten. Aus Eisen geformte Knoten gehören zu einer Motivwelt, mit der sich Martina Lauinger seit über zehn Jahren beschäftigt. Das plastische Schaffen dieser heute in der Schweiz lebenden Bildhauerin beinhaltet große Lebensthemen wie Geschlechterfragen, soziale Beziehungen oder Gentechnik. Lauingers künstlerische Auseinandersetzung mit industriellen Stahlrohren setzte eine Dynamik in Bewegung, die das Material zunächst nicht impliziert. Denn Stahlrohre, auch Hohlprofile genannt, dienen der Durchleitung von flüssigen, gasförmigen oder festen Stoffen und nicht der Verknotung durch Künstlerhände. Es ist die Abweichung von der Norm, die  im Mittelpunkt des plastischen Werks von Martina Lauinger steht. Denn wer Eisen flicht, will klarmachen, dass nichts unmöglich ist und dass, wenn harte Fakten auf weiche Faktoren treffen, unter Umständen Kunst entsteht!
Die gebürtige Hamburgerin und seit langem in Meersburg lebende Textil- und Papierkünstlerin Angelika Brackrock schafft organische Formen. Ihre stofflichen Kreaturen, pflanzenartigen Gebilde und fantastischen Objekte bilden einen eigenen Mikrokosmos. Einfache, sparsame Materialien, auch Wegwerf- oder Recyclingmaterialien sind der Stoff, den Brackrock für ihre Kunst verwendet. So greift auch sie auf kunstfernes Material zurück und erschafft sog. „Brutstätten“ und „Gehäuse“ für nicht benannte Bewohner. Der besondere Reiz dieser Kunstgehäuse liegt im geheimnisvollen Miteinander von Material und Form begründet und in der Tatsache, dass Brackrocks Objekte die weißen Wände vermeintlich beleben und bauliche Gegebenheiten organisch verfremden. Alle Arbeiten dieser Künstlerin haben außerdem einen stark installativen Charakter und verändern nachhaltig die architektonischen Räume und unsere individuellen Blickachsen.
„Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen, wo Augen sich treffen, entstehst du“, schreibt die österreichische Malerin Veronika Dirnhofer in großen Buchstaben auf ihr Hochformat im ersten Raum der Ausstellung. Wen meint die Künstlerin mit DU, ist es die Kunst oder bin ich es, die ich als Mensch in einer Ausstellung erst durch die Augen zur Betrachterin werde?
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“, liest man auf der Homepage dieser Künstlerin. Veronika Dirnhofer malt mit konzeptuellem Ansatz, d.h. sie macht keine „l’art pour l’art“, sondern sie positioniert sich in ihrer Malerei. Im letzten Raum der Ausstellung werden noch einige Großformate von Dirnhofer unsere Sinne stimulieren.  Darunter grelle Farben in pastos aufgetragenen Leinwänden oder auch eine collagierte, mit Farbe getränkte Leinwand, die lose über das gemalte Keilrahmen-Bild hängt, den Blick auf das Dahinter verbirgt und bei mir sofort die Assoziation an das Grabtuch der Veronika weckte.
Aber noch sind wir auf unserem geistigen Spaziergang im ersten Raum und stehen dort vor drei brandneuen Arbeiten aus dem Atelier von Hermann Weber, die den Titel: „Sei wie der Wind und leicht wie die Wolken I-III“ tragen. Wer Hermann Weber hört, denkt vielleicht an Öl auf Blei … und Sie liegen richtig. Auch seine neuen „Wolken-Studien“ sind in der ihm eigenen Technik entstanden. Weber ist ein Geschichtenerzähler, der vor allem auch dem Geheimnis der Stille auf der Spur ist. Ich lade Sie ein, sich unbedingt auf diese Wolken-Wind-Bilder einzulassen, sie werden synästhetische Erlebnisse haben, vielleicht ein Rauschen des Windes hören und im besten Fall sogar spüren. Der in Biberach geborene Künstler zeigt derzeit seine Werke auch in seiner Ausstellung „Die blaue Stunde“ in der pro arte-Galerie in Biberach. „Ich will Maler werden. Künstler. Nicht Bauer, wie die Eltern“ schrieb Hermann Weber vor zwei Jahren rückblickend auf seinen Werdegang. Heute ist er Maler, Anthropologe, Theologe, das Alter Ego eines verstorbenen Reichsabtes … und einer der großen Romantiker im zeitgenössischen Oberschwaben.
Beim Blick in den nächsten Raum sehen wir eine zylindrische Säule auf dem Boden stehen, gestanztes Edelstahlblech, das den Sankt Gallener Klosterplan abbildet. Wie Sie vermutlich alle wissen, wird auf den Grundlagen dieses einzigartigen Plans aus dem Mittelalter derzeit das Campus Galli in Meßkirch rekonstruiert. Diese Gedächtnis-Säule stammt aus dem Atelier des Bildhauers Cornelius Hackenbracht. Der St. Galler Klosterplan ist die früheste Darstellung eines Klosterbezirks aus dem Mittelalter. Er entstand um 820 im Kloster Reichenau und ist im Besitz der Stiftsbibliothek St. Gallen.
Cornelius Hackenbracht ist mit Ausnahme der Klosterplan-Säule mit zahlreichen Steinskulpturen hier in der Ausstellung und im Außenraum vertreten. Zusammen mit seiner Frau gründete er im Jahr 1998 mit „Neue Kunst am Ried“ ein Projekt, bei dem in der Landschaft des Ruhestetter Rieds in der Nähe des Bodensees Kunstwerke und Natur neue Räume entstehen lassen. Hackenbracht sucht den Dialog mit der Außenwelt und mit der Umgebung, seine Kunst will Dialoge und Prozesse auslösen und nicht als exklusiver Solitär betrachtet werden. So verwundert es auch nicht, wenn wir lesen, dass für den Künstler Nutzpflanzen, Nutztiere und Bildhauerei als gleichwertige Bestandteile seines Gartenwohnraums gelten.
Da wir uns in einem alten Schloss befinden, gibt es natürlich auch ein Turmzimmer. In einem solchen hängen kleine Formate von Hans Schnell, darunter das Objekt-Bild „Nature Morte“ mit einem Holzkrokodil auf rotem Grund. Was ist es, wenn ein Holzkrokodil mit geöffnetem Maul ein monochrom angelegtes rotes Ölbild besetzt? Würgt das Tier die Farbe heraus oder steht die Farbe für das dem Krokodil zum Opfer gefallene Tier? Oder war es gar ein Mensch? Obwohl kleinformatig, stellt diese Arbeit doch große, um nicht zu sagen, existenzielle Fragen an uns. Zunächst wirkt die Bildszene fast verspielt, doch bei näherer Betrachtung erkennen wir auch rote Farbspuren auf dem Krokodil, als habe ein Kampf stattgefunden. Vielleicht auch der Kampf des Malers mit dem Bildhauer? Die Werke des gebürtigen Müncheners wirken zwar zumeist chiffrenhaft und spontan, aber in Wahrheit sind seine Farbspuren, Zeichen und Strichfolgen mit hoher Konzentration gesetzte Bekenntnisse. Ein wesentlicher Faktor seiner Werke ist der Freiraum im Bild, dem Schnell eine große Bedeutung beimisst. Und welche Freiräume entstehen in Ihren Köpfen, wenn Sie Titel hören wie „Liebe oder Fliege“, „Schamlose Intelligenz“, „Von der Glyptothek in den Biergarten“? Überzeugen sie sich nachher selbst von der malerischen Antwort Hans Schnells.
Bevor wir im Geiste einen Raum weiter schreiten, präsentiert uns Titus Koch schon die ersten Werke des japanischen Malers Hideaki Yamanobe, die über zwei Ausstellungsräume verteilt sind.
„Black forest“ lautet der Titel einer Arbeit. Schwarzwald … dieses Wort weckt in allen von uns Bilder oder Erinnerungen. Was Yamanobe zeigt, ist eine schwarz-anthrazite Leinwand, deren subtile Bemalung nicht in Worte zu fassen ist. Denn er verbindet Monochromie, Räumlichkeit und Abstraktion in einem eigenen Bildkörper, für den der Begriff Malerei viel zu kurz gegriffen wäre. Hideaki Yamanobes monochrom angelegte Bilder haben keine Mitte, keinen Anfang und keine Leserichtung.
Der in Köln, Meerbusch und Tokyo lebende Maler tritt in seinen Gemälden wie ein Fährtenleger auf, der uns Betrachter zu Spurensuchern macht. Wenn wir uns instinktiv auf eine Mischung von Ahnung, Wissen und Erfahrung verlassen, werden wir vielleicht fündig. Für seine einzigartigen Ritzungen im Bild, die einen starken räumlichen Charakter erzeugen, verwendet Yamanobe übrigens einen traditionellen japanischen Blattfächer, Uchiwa genannt.
Eine Rampe führt uns in den vorletzten Ausstellungsraum. Dort lehnt das große Objekt „Verloren Haus & Hof“ von Hermann Weber, das uns zunächst in seinen Bann zieht. Zerkratzte Fotos eines Ehepaares kleben auf einem kleinen Modellhaus aus Blei, und dahinter lässt die Wand aus verkohlten Holzlatten Schlimmstes befürchten.
Nicht zu übersehen, trotz ihrer Semitransparenz, sind zwei von der Decke hängende imaginäre Fenster aus dem Atelier der Schaffhausener Malerin und Objektkünstlerin Katharina Bürgin. Leichtigkeit und Transparenz sind ihre großen Themen, und die Natur liefert die zentralen Motive für ihre künstlerische Arbeit.
Seit einigen Jahren arbeitet Bürgin mit transparenten Folien. Manchmal sind sie zwei und mehr Meter hoch und hängen frei im Raum. „Sie haben weder eine Vorder- noch eine Hinterseite. Je nachdem, wie das Licht fällt, bekommt die Bleistiftzeichnung mehr Kraft, oder die Farbe wird intensiver“, so Bürgin. Im Arbeitsprozess entstehen auf der Folie Ebenen und Überlagerungen. Zum Schwarz des Bleistifts und zur Intensität der Farben trägt sie meist den harzigen Schellack auf, der eine besondere Durchsichtigkeit besitzt und je nach Lichteinfall golden schimmert.
Beim Verlassen dieses Raumes wird einem wieder einmal bewusst, was Kunst leisten kann bzw. wie vollkommen unterschiedliche Bildsprachen Künstlerinnen und Künstler für die großen Themen des Lebens erfinden.
„What’s up“ – lesen wir auf einem Bild von Anton Hofmayer im letzten Ausstellungsraum. Was geht, fragt uns dieses Bild, das wie ein imaginärer hochformatiger barocker Spiegel an der Wand hängt und nicht unser Äußeres reflektiert, sondern unsere inneren Beweggründe abfragt! Was geht, fragt man sich also vor diesem Bild, das eine Gemengelage von Farben, Schüttungen, Öl-Lachen, Pigment-Inseln und Pinselspuren aufweist. Der Künstler schmettere Farbe und Form auf die Leinwand, er entzünde Feuerströme purer Energie und daraus entstehe eine urwüchsige archaische Kraft, die unmittelbar und sinnlich auf uns Betrachter überspringe, schrieb Dr. Martin Stegmann aus Schaffhausen.
Von Hofmayer stammt übrigens auch das Plakatmotiv, das mit einem hoch dynamischen Bildausschnitt in diese Ausstellung lockt.
In unmittelbarer Nachbarschaft zu Hofmayers Bildern stoßen wir auf Heiko Herrmanns eruptive Malerei. Der Münchener Maler gehört zu jener Gruppe von Künstlern, die für Titus Koch enge Weggefährten und weit mehr als bloße Bildermacher sind. Das Kollektiv Herzogstraße hatte in den 1970er Jahren künstlerische Diskussionen entfacht, die im Œuvre von Heiko Herrmann bis heute nachwirken. Seine Malerei dreht sich im Kern um das Verhältnis von Bewegung und Ruhe, so lautet im Übrigen auch ein Bildtitel in der Ausstellung. Wir alle leben täglich diesen Spagat zwischen Bewegung uns Ruhe, nicht in der Kunst, sondern in unserem Alltag. Selten ist das Verhältnis wirklich ausgeglichen, sondern es sind eher zwei Pole, die sich gegenseitig anziehen oder abstoßen. Malen ist für Herrmann praktisches Machen, ALLES hat im Grunde mit Malerei zu tun, es gibt kein Leben ohne sie und fast keinen Tag, ohne dass ein Bild entsteht.
„So habe ich das noch nie gesehen“, ist der Satz, der Belohnung bedeutet. Noch besser nur euphorisiertes Schweigen. Das ist das Maximum. Heiko Herrmann malt solche Bilder“, schrieb Axel Heil 2013 über die Kunst des Münchener Malers.
Wenn wir uns nun euphorisiert schweigend im Geiste von der Wand abwenden, liegt da plötzlich ein abgekämpfter kleiner weißer Stier auf einem Sockel. Ganz in Nähe behauptet sich ein Red Bull, und nicht weit entfernt bäumt sich eine Eule vor uns auf. Diese Kleinskulpturen stammen alle aus dem Atelier der in Isen / Bayern lebenden Künstlerin Wiebke Kleinschmidt, die ursprünglich an der Folkwangschule Essen Schauspiel studierte. Kleinschmidts Tiere sind kleine Charaktere, welche sie aus Keramik formte und mit japanischen Raku-Glasuren bei Niedrigbrand überzog. Die Bildhauerin fokussiert in ihren Arbeiten den spannenden Moment des „Non-finito“, was wörtlich übersetzt „unvollendet“ bedeutet und uns als Qualitätsmerkmal in der Bildhauerei erstmals bei Michelangelo begegnete. Wer von „non finito“ spricht, will sagen, dass erst ein möglichst hoher Grad an Abstraktion ein Werk zu einem Kunstwerk mache.
Wann ein Kunstwerk fertig ist, obliegt ganz dem Ermessen der Künstlerin oder des Künstlers. Das rechtzeitige Loslassen vom Kunstwerk ist einer der schwierigsten Momente bei der Entstehung von Kunst. Ein Krimi ist fertig, wenn wir den Mörder gefunden haben, eine Rechnung ist fertig, wenn der Betrag stimmt …, aber ein Kunstwerk?
Nehmen Sie diese Frage mit auf Ihren Rundgang und finden Sie Ihre eigenen Antworten auf die Frage nach dem „non finito“.
Diese Rede ist jetzt auf alle Fälle fertig; „ho finito“ würde dazu ein Italiener sagen oder in falscher Trapattoni-Übersetzung: „ich habe fertig“.
Danke.
© A. Dreher 2016

 
 
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